Freches Mundwerk
Die alten Marktweiber zeterten laut, als Bäckerliesl 1970 mit 43 Jahren ihren 20-jährigen Seppi heiratete. Heute ist sie mit 84 Jahren die älteste Standlfrau auf dem Viktualienmarkt. Ihren Mann hat sie voll im Griff.
Nur ein einziges Mal in fast 60 Jahren fiel Bäckerliesl der Aufsicht unangenehm auf. Vor vielen Jahren wagte es Elisabeth Forstner, so der bürgerliche Name, einen Lebkuchen zu verkaufen, obwohl an jenem Samstagmittag um wenige Minuten nach zwei die Verkaufszeit auf dem Viktualienmarkt bis Punkt 14 Uhr längst verstrichen war. Weil die Kundin aber so nett bat, ließ sich die gelernte Backwarenverkäuferin zu dem unlauteren Geschäft in einer nicht gut einzusehenden Ecke des Marktes überreden. Die wachsamen Augen der Marktaufseher sahen’s dennoch - 30 Mark Strafe musste sie löhnen.
Bäckerliesl fing klein an
Das ist zehn Mal mehr, als an Forstners Premiere auf dem Viktualienmarkt in ihrer Tageskasse klingelten: Drei Mark waren 1950 die erste Ausbeute. Mickrig. „Die Zeit war hart”, erinnert sich die heute 84-Jährige, die damals noch Rösch hieß. „Aber ich war die Jüngste, die Klügste und die Frechste und setzte mich durch.” Mittlerweile verkauft sie das wohl bekannteste Münchner Brot: Ihr Verkaufsschlager heißt Bauernkrusten, ein doppelt gebackenes Roggenbrot. Ein Laib von zwei Kilogramm kommt 6,40 Euro. Wie viele davon über die Standltheke wandern, verrät sie nicht. Das gehört zum „Betriebsgeheimnis”. Nur so viel: Der Lieferant der Bäckerei Paul Schmidt kommt mehrmals täglich.
Granteln und den Mann zurechtrufen, wenn es hektisch wird
„Sei nicht so garstig”, grantelt Bäckerliesl - „Liesl” im Übrigen kurz gesprochen; das „e” hübscht nur die Schriftform auf - ihren Mann Josef an, der Meckereien in seinen Vollbart nuschelt. Wenn es hektischer wird während der Stoßzeiten am Vormittag und am Mittag, wird der Ton am Viktualienmarkt III, Stand 4/27 ruppiger. „Man muss die Ruhe bewahren, manchmal etwas barscher werden, aber am Abend zu Hause ist wieder alles vergessen”, sagt die kleine, alte Frau. Ihre wachen Augen lugen gerade so über die Ladentheke. Sie misst keine einen Meter 60. Wenn sie das Geld der Kunden entgegennimmt, stellt sie sich auf die Zehenspitzen und streckt ihre Finger aus, die in der kalten Jahreszeit in fingerfreien Handschuhen stecken. „Bittschön, der Herr”, heißt es zur Begrüßung. Ein „Kommen Sie wieder” schiebt die helle, kratzende Stimme den Kunden zum Abschied hinterher.
Mittlerweile arbeitet Bäckerliesl weniger
Forstner arbeitet nur noch freitags und samstags. Den Rest der Zeit schmeißen Mann Josef und Sabrina Kaesler den Laden, der dienstags bis freitags von 5.30 bis 18 Uhr geöffnet ist und samstags bis 15 Uhr. Die 20-Jährige haben die Forstners vor rund einem Jahr eingestellt, damit es Bäckerliesl etwas ruhiger angehen und sich auf das Kassieren konzentrieren kann. „Ich war am Anfang sehr aufgeregt”, erzählt Kaesler. Aber nach zwei Stunden habe sie gewusst: „Hier willst du nicht mehr weg. Die beiden sind für mich wie Oma und Opa.”
Aufsehenerregende Hochzeit 1970
Wie alt genau denn nun ihr Mann Seppi ist, weiß Liesl nicht, fragt also unumwunden bei ihm nach: 61 lautet die patzige Antwort, gefolgt von einem „Ja, weißt du das denn nicht?” 23 Jahre sind die beiden auseinander, wie Liesl schnell nachrechnet. Heute regt sich keiner mehr darüber auf, 1970 aber, als die beiden heirateten, tratschten und zeterten die alten Marktweiber: „Was willst du denn mit so einem jungen Mann”, schimpften sie - aus Unverständnis, sagt Seppi. Aus Neid, sagt Liesl. Mit der Zeit aber - Seppi half hier mal, ein Zelt aufzuspannen, und dort mal, schwere Eimer zu tragen - gewöhnten sich die Marktweiber an das ungleiche Paar.

Bäckerliesl: Elisabeth Forstner ist seit 59 Jahren Standlfrau auf dem Viktualienmarkt (Quelle Brennpunkt München)
Bäckerliesl ist dienstälteste Standlfrau
Heute ist Bäckerliesl die dienstälteste Standlfrau am Platz und liegt mit keinem der anderen Händler im Streit. „Ich mag das nicht”, sagt sie. Jeder habe sein Revier, seine Spezialitäten. Es herrsche ganz normale Konkurrenz. Petra Zach, vom Nachbarstand, sieht das ähnlich. Die 40-Jährige kennt Bäckerliesl schon seit ihrer Kindheit, als sie bei ihren Eltern am Blumenstand aushalf. „Bäckerliesl ist eine der alten, guten Marktweiber, die mit Leib und Seele hier her gehören. Schon meine Oma hat hier zusammen mit ihr gearbeitet.”
Mehrere Jubiläen stehen nächstes Jahr an
Wie lange Bäckerliesl noch dazu gehören will, weiß sie nicht. Sie denkt nicht ans Aufhören „Ich will so lange, wie es geht, hier sein”, sagt sie. „Der Markt ist mein Leben.”
Im nächsten Jahr stehen erst einmal mehrere Jubiläen an: ihr 85. Geburtstag, 60-jähirges Jubiläum auf dem Viktualienmarkt und 40 Jahre Hochzeit. Das soll groß gefeiert werden.
Wie alles begann
1940 kam die gebürtige Sauerlacherin nach München und absolvierte ihre Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin in der Schiller-Bäckerei am Bahnhof. Irgendwann sagte sie forsch zu ihrem Chef: „Ich will einen Stand auf dem Viktualienmarkt.” 1950 war es schließlich soweit. Auf einem Holzsockel postierte sie sich hinter ihrem Stand, damit sie über ihn hinwegblicken konnte. Ein halbes Jahr darbte ihr Stand, bis sie selbstbewusst davor trat, die Leute ansprach und Brotstücke zum Probieren reichte. „Man muss Mundwerk haben”, erklärt sie ihr Konzept. Das hat sie bis heute nicht verloren.
Wie man Kunden bindet
Kunden zu binden, sei ohnehin das Wichtigste: mit guter Ware und auf eine freundliche Art und Weise. Stammkunden, die teils schon mehrere Jahrzehnte gezielt den Stand von Forstners aufsuchen, werden persönlich mit Namen angesprochen und bekommen zu den Semmeln, Brezeln oder Broten noch Grüße an den Gatten, Sohn oder die Tochter mit auf den Weg. Der „Herr Professor” zum Beispiel kommt seit 20 Jahren, weil das Brot so lecker und die Bedienung so nett sei. Besserungswünsche soll er der Frau Gattin übermitteln. Sie liegt im Krankenhaus, wie Bäckerliesl weiß.
Reibereien mit Kunden hat sie aber auch schon erlebt. „Manche sind richtig hinterhältig und versuchen 20 Cent-Stücke als 50-Cent-Stücke zu verkaufen”, sagt sie. „Da muss man clever sein und aufpassen wie ein Luchs.”
von Markus Bauer
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